Die Bahn setzt den Tiefpunkt der Woche. Mit dem knarzend quietschenden
Geräusch der sich in Bewegung setzenden Räder ist das Wochenende vorbei, bevor
der Sonntagabend begonnen hat. Um fünf Uhr verlässt die Geliebte den Bahnhof in
Richtung einsame Arbeitswoche. Und gäbe es die deutsche Sprache nicht, wäre
diese Woche der Sehnsucht wirklich kaum zu ertragen.
Doch da uns die deutsche
Sprache das Wort „Übermorgen“ geschenkt hat, rückt sie die Geliebte gleich zu
Beginn der Woche in imaginierte Nähe. Auf Übermorgen basiert deutsches
Vorfreudenmanagement.
Wie weit entfernt klingt doch das englische „the day after
tomorrow“, als wäre das Wort „tomorrow“ an sich nicht schon lang genug, rückt es
durch „the day after“ in noch viel weitere beinahe unvorstellbare Sphären. „Übermorgen“
hingegen ist so kurz und schnell gesprochen, dass der Sprecher von diesem
Zeitpunkt ganz eindeutig bereits eine genaue Vorstellung hat, die der Deutsche mit
einem eigenen Begriff würdigt.
Und so kann der Deutsche bereits am Dienstag, nachdem er am
Montag noch ganz von dem vergangenen Wochenende geschwärmt hat, bereits an den
morgigen Mittwoch denken, dem Tag, an dem er „Übermorgen“ sagen darf und damit
den Tag meint, an dem er die Geliebte wiedersieht.
