Montag, 21. Januar 2013

Übermorgen, oder: Vorfreudenmanagement eines Wochenendbeziehungsführenden


Die Bahn setzt den Tiefpunkt der Woche. Mit dem knarzend quietschenden Geräusch der sich in Bewegung setzenden Räder ist das Wochenende vorbei, bevor der Sonntagabend begonnen hat. Um fünf Uhr verlässt die Geliebte den Bahnhof in Richtung einsame Arbeitswoche. Und gäbe es die deutsche Sprache nicht, wäre diese Woche der Sehnsucht wirklich kaum zu ertragen.

Doch da uns die deutsche Sprache das Wort „Übermorgen“ geschenkt hat, rückt sie die Geliebte gleich zu Beginn der Woche in imaginierte Nähe. Auf Übermorgen basiert deutsches Vorfreudenmanagement.

Wie weit entfernt klingt doch das englische „the day after tomorrow“, als wäre das Wort „tomorrow“ an sich nicht schon lang genug, rückt es durch „the day after“ in noch viel weitere beinahe unvorstellbare Sphären. „Übermorgen“ hingegen ist so kurz und schnell gesprochen, dass der Sprecher von diesem Zeitpunkt ganz eindeutig bereits eine genaue Vorstellung hat, die der Deutsche mit einem eigenen Begriff würdigt.

Und so kann der Deutsche bereits am Dienstag, nachdem er am Montag noch ganz von dem vergangenen Wochenende geschwärmt hat, bereits an den morgigen Mittwoch denken, dem Tag, an dem er „Übermorgen“ sagen darf und damit den Tag meint, an dem er die Geliebte wiedersieht. 

Donnerstag, 10. Januar 2013

Ein Hoch auf die literarische Straßenbahn


Buchverlage sollten alles tun, um die Erfindung des Beamens zu sabotieren; die würde ihre Existenz gefährden. Unzählige Tonnen an Büchern würden niemals gedruckt werden, gäbe es den ewig wiederkehrenden und daher allzu langweiligen Weg zur Arbeit nicht. Die Konkurrenz der Smartphones mag groß sein, doch noch immer ist das Buch eine oft genutzte Art, sich auf dem langen Weg ins Büro den Wunsch des Wegseins zu erfüllen. Das Beamen würde diesem Wunsch zuvorkommen. Denn wer schnell woanders ist, hat keine Zeit mehr, woanders sein zu wollen. Und so würde die physikalische Teletransportation der geistigen den Garaus machen.

Möglicherweise ist deshalb auch die Straßenbahn viel entscheidender für die Literaturgeschichte als das Kaffeehaus. Sicher, die Kaffeehaustradition ist groß – birgt sie doch so verehrungsvolle Autoren in sich wie Musil, Kraus und Schnitzler. Doch wie vielen Autoren hat die Straßenbahn das wirtschaftliche Überleben gesichert, jener Hort der massenhaften in sich gekehrten Vereinzelung als Reaktion auf die intime Nähe zu Fremden. Lesen als Flucht, ein probates Mittel für berufsbedingte Überlebenskünstler.

Während das trubelnd-aktive Kaffeehaus für Kraus und Co. der Ort der menschlichen Anschauung war – Schnitzlers großartigen Gustl hätte es ohne das Kaffeehaus vielleicht nie gegeben –, ist die schaukelnd-passive Straßenbahn der Ort des öffentlichen Lesens. Zugegeben, angesichts der Mehrzahl der rosaverkitschten Einbände würde man sich etwas mehr Kaffeehaus in den Waggons wünschen –  trotzdem: Ein Hoch auf die Straßenbahn: Auf dass das Beamen nie erfunden wird, es wäre vielleicht wirklich der Anbruch der letzten Tage der Menschheit.

Montag, 24. Dezember 2012

Weihnachtliche Unterhaltung mit Herrn Zilpzalp


17 Grad an Heiligabend – was so klingt wie der 35. Mai von Erich Kästner oder zumindest wie der Einstieg in eine Geschichte, die gleich zu Beginn den Rahmen für eine für unmöglich gehaltene Handlung setzen soll, ist dieses Jahr tatsächlich deutsche Realität. Und so stand ich heute Morgen, die Kaffeetasse in der Hand und gerade mal mit einem dünnen Pulli bekleidet, auf der Veranda und schaute gedankenverloren in den tropfenden Garten, ohne dabei zu frieren, als sich Herr Zilpzalp neben mich in den kahlen Rosenstrauch setzte, der noch vom Regen geschützt war.

Hallo Herr Zilpzalp, sagte ich. Mistwetter, oder? Wissen Sie, Sie feiern ja keine Weihnachten, aber wir haben’s doch gerne weiß über die Feiertage. Ab und an sieht man dann sogar Wildtiere hier im Garten. Vor zwei Jahren stand ich genau hier, leichter Schneefall, die Dämmerung war gerade hereingebrochen, als da vorne, zwischen Haselnussstrauch und Lebensbaum, ein Reh auf die Schneefläche trat. Ich bewegte mich keinen Millimeter. Grazil stand es da, schaute nach links und nach rechts, bemerkte mich und sah mir direkt in die Augen. Bestimmt zwei Minuten schauten wir uns so an. Das war ein wunderbarer Weihnachtsmoment. Und dieses Jahr stehe ich mit Ihnen hier. Böse blickte ich in Herrn Zilpzalps Richtung, der meinen Blick aber nur kurz unverwandt auffing und hart zilpte. Sagen Sie, haben Sie etwas mit diesem Wetter zu tun? Mal ehrlich, für Sie ist das doch super! Überall Futter hier, nicht wahr! Schön warm hier, nicht wahr! Sie hätten doch eigentlich längst umziehen müssen, aber so haben Sie sich das gespart! Ärgerlich machte ich einen Schritt auf ihn zu. Er erschrak und stürzte mit wildem Flügelschlag davon.

Inzwischen tut es mir Leid. Ich hätte ihn nicht so angehen sollen. Ich habe ihm sein Weihnachtsgeschenk missgönnt. Gleich stelle ich ein paar Körner auf die Veranda! Frohe Weihnachten, Herr Zilpzalp!

Freitag, 14. Dezember 2012

Last christmas

Es ist nicht so, dass ich übermäßig fromm wäre, eher überhaupt nicht fromm. Und trotzdem stört mich dieses X, das MTV Mitte der 90er zumindest in meine Welt gebracht hat. Das X von X-mas. Die x-beliebige Austauschbarkeit der Religionen steckt ja schon im Wort und hat etwas verzweifelt Kommerzielles. Dass die Werbeindustrie bei der Wortschöpfung an die Integration der Kulturen gedacht hätte, glaube ich jedenfalls nicht.

Das X-Wort habe ich nun länger nicht mehr gesehen, aber seine Idee, das, was es bezeichnet, existiert noch: Auf einer Weihnachtsfeier standen Madonna und Buddha einträchtig nebeneinander - als Deko.

Und die alten MTV-Weihnachtsschlager spielten sie auch. "Last christmas I lost my christ..."

Montag, 10. Dezember 2012

Von ersten Sätzen und den vergessenen in der Mitte



Ilsebill also. Der erste Satz entscheidet, sagt die Wissenschaft. Fesselt ein Text oder fällt er dem schlimmsten Schicksal anheim, das einem Text widerfahren kann: der Nichtbeachtung. Und der schönste erste Satz deutscher Sprache lautet eben: „Ilsebill salzte nach.“ Aus Grass‘ „Der Butt“. Das war zumindest das Ergebnis eines Wettbewerbs der Initative deutscher Sprache und der Stiftung Lesen im Jahr 2007.

Einer meiner persönlichen Favoriten ist ja: „Im traurigen Monat November war's / Die Tage wurden trüber, / Der Wind riß von den Bäumen das Laub, / Da reist ich nach Deutschland hinüber.“ Aber ich gebe zu, das rührt eher weniger von dem ersten Satz her, als von dem Rest, der folgt. Gut ist auch: „Das Klingeln des Telefons war nicht das Klingeln des Telefons.“ Und ganz groß: „The letter that would change everything arrived on a Tuesday.“

Doch Sätze am Textanfang werden meiner Meinung nach ohnehin überbewertet. Die schönsten stehen in der Mitte und sie drohen über die ersten Sätze in Vergessenheit zu geraten. „Othello weidete kühn vorbei.“ Zum Beispiel. Auch wenn sich die Schönheit dieses Satzes vielleicht nur einem Linguisten oder Schafliebhabern erschließt… Oder: „In der Ewigkeit aber, siehst du, gibt es keine Zeit; die Ewigkeit ist bloß ein Augenblick, gerade lang genug für einen Spaß.“

So, die schwierige Aufgabe des ersten Satzes hätte ich damit in meinem Blog erfüllt. Das Schlimme aber an einem Blog ist: Erste Sätze warten immer wieder.